Satzspiegel

Satzspiegel

Als Satzspiegel wird die Nutzfläche der Buchseite bezeichnet. Der bedruckte Teil ist die Kolumne (Spalte), was sich von lat. columna, „Säule“, herleitet. Die unbedruckten Ränder heißen Stege (Innen-, Kopf-, Außen-, Fußsteg). Sie können auch mit Marginalie oder Seitenzahl bedruckt sein. Der lebende Kolumnentitel wird aber zum Satzspiegel gerechnet.

Mit den vertikalen Stegen am Bund und außen wird die Satzbreite bestimmt. Es gilt die Faustregel, dass diese 14 Zentimeter nicht überschreiten soll, da ansonsten beim Zeilenwechsel der Kopf bewegt werden muss. Die Zeilenlänge, also die Anzahl der Zeichen (Anschläge) pro Zeile, ergibt sich aus den Schriftmerkmalen. Sie soll bei etwa 50–70 Anschlägen liegen. Wenn eine gut ausgearbeitete und zugerichtete Schrift mit scharfem Schriftbild verwendet wird, scheint aber eine Zeilenlänge von bis zu 80 Anschlägen gerechtfertigt. Der Durchschuss soll dann mindestens 20 Prozent betragen.

Es wird nie die einzelne Seite betrachtet, sondern immer nur die aufgeschlagene Doppelseite, die eine untrennbare Einheit bildet. Die Seiten liegen nicht plan, sondern wölben sich vom Bund zunächst nach oben, dann fallen sie zu den Rändern hin ab. Es entsteht eine sphärische Verzerrung, die sich aber nur auf die vertikalen Abstände auswirkt. Die Innenstege erscheinen verkürzt, und die Kolumne rückt nach innen. Die Außenstege wachsen hierdurch und durch den restlichen Buchblock, der an den Rändern hervorscheint, an. Bei fest gebundenen Büchern bleibt das Seitenformat erhalten, bei flexibel gebundenen nicht.

Offenes Buch
Satzspiegel: Sphärische Verzerrung der Buchseiten.

Die auf den Planobogen gedruckten vertikalen Stege entsprechen also nicht den wirklich sichtbaren Abständen, sondern wirken sich nur mittelbar aus.

Das straft alle Lügen, die eine „Konstruktion“ des Satzspiegels nach besonderen harmonischen Proportionen postulieren wie dem „goldenen Schnitt“ (z. B. Kohm, SatzspiegelkonstruktionenBeinert, TypolexikonNeumann, Typograffiti). Dieser wird als Proportion angesehen, „die in der Natur am häufigsten vorkommt und meist als ausgesprochen harmonisch empfunden wird“ (Janaszek, Typograph online). Gefordert werden „Willkürfreie Maßverhältnisse der Buchseite und des Satzspiegels“ gewesen sein, so der Titel einer Schrift des bekannten Typographen Jan Tschichold (1902–1974)  (Google Books).

„Konstruktion“ des Satzspiegels

Es könnte naheliegend erscheinen, den Satzspiegel einfach auf der Seite zu zentrieren und dabei das Seitenverhältnis zu wahren. So wird es nicht selten gemacht.

Satzspiegel zentriert
Satzspiegel: Zentrierung auf der Einzelseite.

An dieser Einstellung des Satzspiegels stört vor allem die vertikale Zentrierung, der obere Abstand wirkt viel zu groß. Das liegt an der „optischen Mitte“, einer Wahrnehmungstäuschung, die bei Objekten vorkommt, die horizontal zentriert sind wie die aufgeschlagene Buchseite. Wir nehmen die „optischen Mitte“ oberhalb der geometrischen Mitte wahr (Wikipedia, Optische Mitte).

optische Mitte mit Balancelinie
Satzspiegel: Optische Mitte und Balancelinie.

Die „optische Mitte“ soll auf der über die Quadratdiagonale konstruierten „Balancelinie“ liegen.

Auch die horizontale Zentrierung des Satzspiegels auf der Seite wirkt störend. Denn der Innensteg verdoppelt sich, wodurch die Seiten auseinandergerissen scheinen.

Bestimmung durch Diagonalen und Neunerraster

Die Typographen (und Kalligraphen) früherer Zeiten haben die Seite mit diagonalen Hilfslinien aufgeteilt. So wird das heute auch noch gemacht. Ähnliche Ergebnisse bringt die Aufteilung der Seite mit einem Neuner- Gestaltungsraster.

Diagonalen und Neunerraster
Satzspiegel: Diagonalen und Neunerraster.

Beide Methoden erhalten im Satzspiegel das Seitenformat und haben einen Zuwachs der Stege von innen nach oben nach außen nach unten. Der Schnittpunkt von Gesamt- und und Einzeldiagonale deutet auf eine Balancelinie. Die Seite und somit die Doppelseite stehen im DIN-Format, das heißt wie 1 : √2, dann beträgt das Verhältnis der Stege 3 : 4 : 6 : 8. Wenn das Seitenformat wie 1 : 1,5 (= 2 : 3) ist, beträgt das Verhältnis der Stege 2 : 3 : 4 : 6.

In der Kunstgeschichte wird die Teilung durch Diagonalen auch nach dem pikardischen Baumeister Villard de Honnecourt als „Villardscher Teilungskanon“ bezeichnet. Es taucht in dessen um 1230–1235 aufgezeichneten Skizzenbuch auf, das heute in der Bibliothèque nationale in Paris aufbewahrt wird (hier das Digitalisat). Diese Benennung ist modern, nicht historisch.

Skizzenbuch des Vlllard de Honnecourt
Skizzenbuch des Vlllard de Honnecourt, fol. 35, 36, 37.

Zwei Diagonalskizzen sind auf den äußeren Blättern markiert. Auf dem mittleren Blatt steht der obere Kopf nicht im „goldenen Schnitt“, wohl aber deutet das Sternfünfeck („Pentagramm“), das aus den Diagonalen des regulären Fünfecks gebildet ist, auf dieses Teilungsverhältnis.

regulaeres-fuenfeck
Reguläres Fünfeck und Sternfünfeck (Pentagramm).

Die Diagonale AD wird durch EC genau im goldenen Schnitt geteilt, mit AB’ als Maior und B’D als Minor. Ihr Verhältnis ist wie 1 :  Φ. Es sind drei „goldene Dreiecke“ im regulären Fünfeck enthalten, eins mit 72° an der Basis und 36° oben (ADC) sowie mit 36° an der Basis und 72° oben (ACB, AED).

Auch Gutenberg verwendete die Diagonalaufteilung in seiner 42-zeiligen Bibel von 1454–1458, zweifellos unabhängig von Villard de Honnecourt. Das Seitenverhältnis der 42-zeiligen Bibel beträgt 1 : 1,4 ≈ 1 : √2. Das Verhältnis der Stege ist wie 3 : 4 : 6 : 8. Die Werte sind jeweils ein Neuntel innen und oben, zwei Neuntel außen und unten.

Satzspiegel, Gutenberg
Diagonalraster der Gutenbergbibel.

So war es zu Gutenbergs Zeiten, heute können schon aus Kostengründen Bücher nicht so gedruckt werden.

Ökonomische Seitenaufteilung

Der Innensteg muss so gewählt werden, dass die Zeile gut zu lesen ist, zum Beispiel 16 Millimeter. Dann kann der Zuwachs innen : oben : außen : unten wie 2 : 3 : 4 : 5 angelegt werden. Wenn ein Grundlinienraster verwendet wird, was anzuraten ist, steht der Fuß auf einer Grundlinie.

satzspiegel-oekonomisch
Satzspiegel: Ökonomische Aufteilung.
satzspiegel-sparsam
Satzspiegel: Sparsame Aufteilung.