Schrift

Mit Schrift und Satzgestaltung umzugehen, ohne ihre Gesetze und Regeln, ohne ihre Geschichte zu kennen, das ist wie Schach spielen ohne Regeln (Kurt Weidemann).

Unsere Schrift

Unsere Schrift, die Antiqua (engl. roman), entstand in der italienischen Renaissance im 15. Jahrhundert. Als „alte“ oder „römische“ Schrift grenzte sie sich von den damals „modernen“ gebrochenen Schriften im gotischen Stil (engl. blackletter) ab. Als kalligraphische Schrift ist sie von der Kursiven (engl. italic) zu unterscheiden.

Im 16. und 17. Jahrhundert verbreitete sich die Antiqua von Italien aus in Europa und verdrängte die gebrochenen Schriften. In Deutschland verwendete man sie ebenfalls, aber nur für Werke in der lateinischen Bildungssprache. Die deutschsprachigen Werke, deren Anteil in der Inkunabelzeit (1454–1500) bei etwa 25 Prozent lag und danach anstieg, wurden in der „deutschen Schrift“ gesetzt. Das waren zunächst die Schwabacher, die Schrift der Lutherbibel von 1522, und von der Mitte des 16. Jahrhunderts an die Fraktur.

Es waren die Nationalsozialisten, die im Kriegsjahr 1941 die Spaltung des Landes in eine „deutsche“ und eine „lateinische“ Schrift beendeten. Im „Normalschrifterlass“ verboten sie kurzerhand die Fraktur und andere gebrochene Schriften und schafften die deutsche Kurrentschrift an den Schulen ab. Damit wurde auch in Deutschland die Antiqua als Einheitsschrift durchgesetzt, also der heutige Zustand herbeigeführt.

Merkmale der Antiqua

Die Antiqua wurde nach dem Vorbild einer kalligraphischen Buchschrift geschaffen, der „humanistischen Minuskel“, die um 1400 in Florenz entstand. Diese weist bereits alle relevanten Merkmale der Antiqua auf, ausgenommen das kleine „h“, das in der heutigen Form 1470 von Nicolas Jenson eingeführt wurde.

Die auffälligste Neuerung der Antiqua sind die Majuskeln, die direkt von der römischen „Capitalis monumentalis“ der Inschriften übernommen wurden. Diese Majuskelschrift ist in der höchsten Form auf der Trajanssäule von 113 n. Chr. bis heute zu sehen (CIL VI 960).

Trajanssäule in Rom, 113 n. Chr.
Trajanssäule in Rom, 113 n. Chr.

Die zweite der auffälligen Neuerungen sind die Serifen, die von der römischen Capitalis stammen, aber jetzt auch bei den Minuskeln verwendet werden. Sie laufen über die ganze Zeile und erzeugen auf der Grundlinie eine sichtbare horizontale Struktur. Die Zeilen können hierdurch besser erfasst werden, das Schriftbild wirkt ruhiger und solider als ohne Serifen. In der gotischen Minuskel wurde diese Funktion von den Quadrangeln erfüllt.

Seit der Einführung der serifenlosen Antiqua zu Beginn des 20. Jahrhunderts sind die Serifen allerdings kein notwendiger Bestandteil der Antiqua mehr.

Nicht alle Neuerungen der Gotik sind in der Antiqua rückgängig gemacht worden. Sie wäre sonst auch die genaue Entsprechung der romanischen Minuskel, der Vorgängerschrift.

Majuskel und Minuskel

Unsere Schrift besteht aus Großbuchstaben (Majuskeln) und Kleinbuchstaben (Minuskeln).

Die Majuskeln reichen alle von der Grundlinie bis zu einer gedachten Majuskellinie, sind also gleich hoch. Über der Majuskellinie ist Platz für diakritische Zeichen, bis zur Akzentlinie, die 8 Prozent des Schriftgrades betragen soll.

Die Minuskeln reichen von der Grundlinie zur gedachten Mittellinie, können darüber hinaus Oberlänge oder Unterlänge haben. Es gibt also drei Schriftzonen und vier Linien. In gebrochenen und kursiven Schriften können Minuskeln über alle drei Zonen laufen („f“, „h“), nicht so in der Antiqua.

Die lateinische Minuskel ist eine Schöpfung des Mittelalters. Die Römer verwendeten nur Majuskeln, die üblicherweise ohne Abstand oder Trennzeichen in einem fort geschrieben wurden („scriptio continua“).

Die älteste größere Inschrift in lateinischer Sprache ist die unter dem „schwarzen Stein“ auf dem römischen Forum („lapis niger“) von etwa 550 v. Chr. Sie ist „boustrophedon“ („ochsenwendig“), das heißt die Zeilen werden abwechselnd von links nach rechts, dann von rechts nach links gelesen. Die Buchstaben der linksläufigen Zeile sind vertikal gespiegelt. Erst 100 Jahre später wurde von links nach rechts geschrieben. An Satzzeichen gab es nur den tiefen, mittleren und hohen Punkt, der eine kurze, eine lange Sprechpause oder einen Sinneinschnitt markierte.

Der heute übliche Wortabstand beträgt ein Viertelgeviert. Das entspricht genau der Länge des Divis („Bindestrich“). Früher liefen die Schriften viel enger. Gutenberg legte den Wortabstand auf eine n-Punze fest. Den Zeilenausgleich führte er mit variablen Dickten seiner Glyphen durch.

Schriftgrad, Geviert, Dickte

Die vertikale Ausdehnung oder Höhe der Schrift wird Schriftgrad genannt. Er wurde früher durch die Kegelhöhe der Drucktype bestimmt und entspricht dem Abstand zwischen Ober- und Unterlinie. Durchschuss ist der Abstand zwischen zwei Zeilen. Schriftgrad und Durchschuss ergeben zusammen die Zeilenhöhe, das ist der Abstand zwischen zwei Grundlinien. Nach Empfehlung der DIN 1450 soll er im Format DIN A4 ungefähr 120 Prozent des Schriftgrades betragen. Das gilt aber nur für lange Zeilen, die das 20-fache des Schriftgrades betragen oder mehr. Je kürzer die Zeile, desto kürzer der Zeilenabstand.

Geviert ist das aus dem Schriftgrad gebildete Quadrat. Es ist ein wichtiges Maß für die horizontale Ausdehnung. Der Geviertstrich (engl. M-dash) hat genau 1 Geviert zuzüglich Vor- und Nachbreite. Die englische Bezeichnung  kommt daher, dass die Majuskel M genau 1 Geviert breit ist. Auch die Einheit em leitet sich davon ab.

Die horizontale Ausdehnung der Buchstaben ist variabel, sie wird Dickte genannt. Sie setzt sich zusammen aus der Breite des Schriftbildes zuzüglich Vor- und Nachbreite. Die Nachbreite eines Buchstabens und Vorbreite des folgenden addieren sich zum Zeichenabstand. Dieser ist nicht konstant, sondern variiert, je nach dem welche Zeichen aufeinanderfolgen. Für den Satz sind nur solche Schriften geeignet, die zugerichtet sind, das heißt in der die Abstände paarweise korrigiert und in einer Fontmetrik gespeichert sind.

Der Schriftgrad ist nicht mit der Schriftgröße gleichzusetzen. Diese wird vor allem durch das Mittelband bestimmt, also den Bereich zwischen Grund- und Mittellinie. Hier entscheidet sich, ob ein Schriftgrad noch leserlich ist oder nicht.

DIN 16518 zur Schriftenklassifikation

1964 wurde eine Industrienorm zur Schriftenklassifikation aufgestellt, die DIN 16518, die bis heute gültig ist. Entsprechend dem Normalschrifterlass von 1941 haben die gebrochenen Schriften, die die zehnte von elf Klassen bilden, ihre Bedeutung verloren. Die Antiqua wird nach historischen Erscheinungsformen des 15. bis 18. Jahrhunderts sowie Neuerungen des 19. und 20. Jahrhunderts eingeteilt.

  1. venezianische Renaissance-Antiqua
  2. französische Renaissance-Antiqua
  3. Barock-Antiqua
  4. klassizistische Antiqua
  5. serifenbetonte Linearantiqua
  6. serifenlose Linearantiqua

Die Zuordnung einer Schrift zu einer der Klassen erfolgt unabhängig von Ort und Zeit ihrer Entstehung nur nach den Formkriterien. Eine sehr weit verbreitete Satzschrift ist die „Times“, die zur Klasse 3 gehört. Sie stammt aber nicht aus der Barockzeit (um 1650–1750), sondern wurde 1931 für die „London Times“ entworfen, wo sie nur kurz benutzt worden ist. Als Computerschrift verbreitete sie sich seit den 90er Jahren weltweit. Auch die „Garamond“ ist als Satzschrift sehr weit verbreitet. Sie wurde um 1540 in Paris geschaffen, geriet aber in Vergessenheit, bis Jean Jeannon sie 1660 wieder in sein Angebot aufnahm. 1925 wurde sie durch die Schriftgießerei Stempel zu neuem Leben erweckt.

Die Vorbilder der Satzschriften

Die Drucker der Inkunabeln (1454–1500) gestalteten ihre Satzschriften nach dem Vorbild der kalligraphischen Buchschriften, die sie in den handschriftlichen Kodizes vorgefunden haben. Das waren in Handschriften des 8. bis 12. Jahrhunderts – ältere gab es kaum – die vorromanische (karolingische) und romanische Minuskel. Aus der romanischen entwickelte sich im 12. und 13. Jahrhundert die gotische Minuskel.

Perikopenbuch des Kaisers Heinrichs III, Reichenau 1007–1012, heute München.
Perikopenbuch Kaiser Heinrichs II. (972–1024), Reichenau 1007–1012, 32,0 cm × 42,5 cm, heute München.

Das Evangelistar des Kaisers Heinrichs II. (BSB clm 4452), entstanden zwischen 1007 und 1012, ist vorromanisch und gilt als Hauptwerk des Reichenauer Skriptoriums. Rundungen sind in einem Zug ausgeführt. Es gibt kein rundes „s“ und keinen „i“-Punkt. Die Haste des kleinen „d“ steht gerade. Das „t“ steht unter dem Querstrich im Mittelband. Das „h“ hat einen bogenförmigen Endstrich ohne Unterlänge. Das „f“ hat zur Unterscheidung vom langen „s“ Unterlänge, aber noch keinen Strich, …

Die gotische Minuskel war im 13. Jahrhundert ausgebildet. Sie wurde mit der Breitfeder im Wechselzug geschrieben, was man an den haarfeinen Auf- und Abstrichen (ohne Federdrehung) und Quadrangeln (mit Federdrehung) erkennen kann. Diese stehen auf der Grundlinie oder unter der Mittellinie und markieren das Mittelband wie später die Serifen. Die Rundungen wurden nicht mehr in einem Zug geschrieben, sondern in zwei vertikale Striche gebrochen. Diese „gebrochene“ Schrift läuft viel enger als die romanische und ist im Mittelband höher. Das Schriftbild ist sehr gleichmäßig und dunkel. Es sieht aus wie gewebt, daher der Name „textura“ oder „littera textualis“.

Ottheinrich-Bibel, Regensburg 1425/30.
Ottheinrich-Bibel, Hs. Regensburg 1425/30, 37,5 cm × 53,5 cm, heute München.

Die 1425/30 geschaffene Ottheinrich-Bibel, die zu den wertvollsten Handschriften der Welt zählt, ist ein eindrucksvolles Beispiel für die höchste Form der gotischen Minuskel, „textualis formata“  (BSB cgm 8010). Die auffälligsten Neuerungen gegenüber der romanischen Minuskel sind „i“-Punkt und Umlaut, das runde „s“ am Schluss des Wortstamms, das runde „d“, das „h“ mit Unterlänge, der „f“-Strich zur Unterscheidung vom langen „s“, beide ohne Unterlänge, das runde „r“ hinter einem Bogen, die Bogenverbindung, das „z“ mit Unterlänge, hier aus drei Quadranten bestehend, …

Die Reinform der gotischen Minuskel ist nur nördlich der Alpen denkbar. In Italien, Südfrankreich und Spanien bewahrte man wie in der Baukunst auch in der Schrift die runden Formen der Romanik. Hier setzte sich die rundgotische Variante, „littera rotunda“, durch.

Neben der kalligraphischen Minuskel gab es die gotische Kursive, „littera cursiva“. Sie wurde möglichst ohne Absetzen der Feder in einem Zug geschrieben. Die Buchstaben sind im Strich verbunden und haben Schleifen in der Ober- und Unterlänge, Rundungen und entwickeln einfachere Formen, zum Beispiel beim einstöckigen „a“.

Die Mischform aus gotischer Minuskel und gotischer Kursive ist die Bastard- oder Hybridschrift, „littera bastarda“. Sie übernimmt die Rundungen und einfachen Formen, aber nicht die Schleifen von der Kursiven. In Humanistenkreisen in Florenz entstand die nach Francesco Petrarca (1304–1374) benannte „Petrarca-Schrift“, „littera semigotica“ oder „Gotico-Antiqua“.

Humanistische Minuskel, Handschrift, 15. Jahrhundert.

Humanistische Minuskel, Handschrift, 15. Jahrhundert.

In diesem Fundus bedienten sich die Inkunabeldrucker bei der Gestaltung der Satzschriften.

Die ersten Satzschriften

Für die 42-zeilige Bibel von 1454, die erste Inkunabel, schuf Johannes Gutenberg (1400–1469) die erste Satzschrift, eine „Textura“ (GW 4201). Gutenberg konstruierte eine völlig neuartige Druckerpresse nach dem Vorbild der Weinkelter und ersann die mit beweglichen Lettern gesetzte Druckform. Er entwickelte das Handgießgerät mit Stahlpatrize, Kupferplatte und Lettern, für deren Zusammensetzung aus Blei, Zinn und Antimon es kein Vorbild gab. Die Druckerschwärze braute er selbst aus Leinöl und Ruß zusammen. Er erfüllte diese technische Meisterleistung mit dem kongenialen Entwurf seiner Satzschrift, die mit 290 Glyphen zuzüglich Satzzeichen ausgestattet war und eine hohe Qualität der Ausarbeitung aufweist. Bemerkenswert ist das Gleichmaß der Zurichtung, der Wortabstände und des Zeilenfalls.

Gebrochene Schrift der 42-zeiligen Bibel, 1454.
Die 42-zeilige Gutenberg-Bibel, Mainz 1452–54, 28,9 cm × 40,6 cm.

An diesem Werk war Gutenbergs Mitstreiter und Nachfolger Peter Schöffer (1425–1503), von Haus aus Kalligraph, maßgeblich beteiligt.

Merkmale der Textura:

  • hohes Mittelband, Quadrangel auf Grund- und Mittellinie, keine Rundung,
  • zweistöckiges „a“,
  • rundes „d“, rundes „r“ nach Bogen,
  • „f“ und langes „s“ ohne Unterlänge, „h“ mit Unterlänge,
  • Haste des „t“ geht über den Querstrich
  • „m“ und „n“ ohne Aufstrich rechts,

Für profane Inhalte und vor allem solche in deutscher Sprache griff man auf rundgotische Varianten, Bastardschriften und die Gotico-Antiqua zurück. Die Gotico-Antiqua, „littera semigotica“ oder „Petrarca-Schrift“ genannt, wurde von Peter Schöffer erstmals 1459 verwendet (GW 9101).

Durantis, Rationale divinorum officiorum, Mainz : Peter Schöffer 1459.
Durantis, Rationale divinorum officiorum, Mainz : Peter Schöffer 1459, 30,3 cm × 42,1 cm.

Auch das Catholicon, das vermutlich Gutenberg selbst gedruckt hat, ist in Gotico-Antiqua gesetzt (GW 3182), ebenso die berühmten Kräuterinkunabeln Schöffers, der „Herbarius“ von 1484 (GW 12268) und „Gart der Gesundheit“ von 1485 (GW M09766).

Johannes Balbus, Catholicon, Mainz : Gutenberg 1460.
Johannes Balbus, Catholicon, Mainz : Gutenberg 1460, 28,1 cm × 39,1 cm.

Merkmale der Gotico-Antiqua:

  • geringes Mittelband, hohe Oberlänge, hohe Unterlänge („g“), Rundungen,
  • zweistöckiges „a“,
  • „f“, langes „s“ ohne Unterlänge,
  • „h“ mit Unterlänge,
  • „d“ mit geradem Schaft, am Wortanfang (Majuskel) rund,
  • „t“ mit Oberlänge,
  • rundes „r“ nach Bogen, „b“, „h“, „o“, „p“,
  • keine Quadrangeln.

In Augsburg wurde 1472 eine rundgotische Variante geschaffen, die „Schwabacher“. Anton Koberger, der größte Drucker des Landes mit 24 Pressen, wählte sie 1493 für die deutsche Ausgabe der „Schedelschen Weltchronik“ (GW M40784, 1.166 Ex., weitere etwa 1.000 Nachdrucke). Martin Luther selbst wählte sie 1522 zur Satzschrift seiner deutschen Bibel. Hierdurch kam es zur Zweischriftigkeit in Deutschland.

Schedelsche Weltchronik, Nürnberg : Koberger 1493.
Schedelsche Weltchronik, Nürnberg : Anton Koberger 1493, 32,9 cm × 47,4 cm.

Merkmale der „Schwabacher“:

  • geringes Mittelband, hohe Oberlänge, geringe Unterlänge („g“),
  • „a“ einstöckig,
  • „f“, „h“, langes „s“ mit Unterlänge,
  • „m“, „n“, „r“ haben Aufstrich rechts,
  • rundes „d“, rundes „r“ nach Bogen,
  • keine Quadrangel.

Gegen Ende des 16. Jahrhunderts trat eine neue Schrift an die Stelle der „Schwabacher“, die „Fraktur“. Sie war 1513 in kaiserlichem Auftrag als Kanzleischrift in Augsburg geschaffen worden. Sie wurde zum Inbegriff der gebrochenen Schrift, da sie bis ins 20. Jahrhundert fast ausschließlich für den deutschsprachigen Satz verwendet wurde. Die „Fraktur“ zeichnet sich durch ein hohes Mittelband au und läuft sehr schmal. Sie bricht das kleine „o“ in Strich und Halbbogen. Sie hat Quadrangeln an der Grundlinie und der Mittellinie. Man erkennt sie sofort an dem Elefantenrüssel.

In der Schriftennorm der DIN 16518 von 1964 bilden die gebrochenen Schriften die Gruppe 10 (DIN 16518).

Die „Renaissance-Antiqua“

Die ersten Drucker außerhalb von Mainz waren 1450 Albert Pfister in Bamberg und Johannes Mentelin in Straßburg. Noch vor Köln (1465) wurde im italienischen Kloster Subiaco gedruckt, nämlich von 1464 bis 1467 durch Konrad Sweynheym und Arnold Pannertz, die zuvor als Gesellen bei Peter Schöffer in Mainz gearbeitet hatten. Das älteste von vier Büchern, eine Donatusausgabe von 1464 (GW 8814), ist verloren. Erhalten sind Cicero (GW 6742; 20 Ex.) und Laktanz (GW M16541; 48 Ex.) von 1465, Augustinus von 1467 (GW 2874; 46 Ex.). Das sind die ersten in Italien und überhaupt außerhalb Deutschlands gedruckten Bücher. Swynheym und Pannertz verlegten 1467 ihren Sitz nach Rom und produzierten noch im selben Jahr eine Ausgabe von Cicero, Epistulae familiares (GW 6799).

Cicero, De oratore, Subiaco : Sweynheym und Pannartz 1465.
Cicero, De oratore, Subiaco : Sweynheym und Pannartz 1465.

Die erste Druckerei in Venedig wurde 1468 von Johann von Speyer, einem Goldschmied und Drucker aus Mainz, mit Privileg des Kollegiums gegründet. 1469 erschien das erste Werk, eine Cicero-Ausgabe. Über dem zweiten Werk, Plinius Gesamtausgabe 1469 (GW M34312), verstarb Johann von Speyer.

Cicero, Epistulae ad Brutum, Venedig : Johann von Speyer 1469.
Cicero, Epistulae ad Brutum, Venedig : Johann von Speyer 1469.

Die Satzschrift dieser frühesten Drucke ist der humanistischen Buchschrift nachempfunden und schon weist sehr deutlich die Merkmale der Renaissance-Antiqua auf. Wenn man sie der Gotico-Antiqua Peter Schöffers gegenüberstellt, zeigen sich die Unterschiede im dreistöckigen „g“ mit Steg, im normalen „r“ nach Bogen, in den Serifen der Minuskeln, sogar auf der Unterlinie, an der „e caudata“, am geraden „h“, …

Zusammen mit Johann von Speyer ging Nicolas Jenson (1420–1480) von Mainz nach Venedig. Er war von Haus aus Stempelschneider und Münzmeister im Dienst des französischen Königs Karl VII., der ihn persönlich 1458 nach Mainz zu Gutenberg geschickt hatte, um Kenntnisse über den Buchdruck zu erlangen. Die Cicero-Ausgabe von 1469 lässt seine Beteiligung dringend vermuten.

Von 1470 bis zu seinem Tod 1480 druckte Jenson im eigenen Namen, seine Offizin florierte sehr und bestand zum Schluss in zwölf Pressen. Seine ersten eigenen Produktionen im Jahr 1470 waren Ausgaben von Cicero (GW 6859) und Eusebius (GW 9440). Im Gesamtkatalog der Wiegendrucke sind etwa 150 Publikationen nachgewiesen.

Cicero, Epistulae ad Brutum, Venedig : Nicolas Jenson 1470.
Cicero, Epistulae ad Brutum, Venedig : Nicolas Jenson 1470.

Bereits die frühen Werke sind einer sehr schön ausgearbeiteten Schrift gesetzt, die für die „venezianische Renaissance-Antiqua“ stilbildend wirkte. Jenson legte Wert auf ein helles Schriftbild und auf perfekte Maßverhältnisse. Er wurde bald weltberühmt und hat wesentlich Anteil am Aufstieg Venedigs zur Hauptstadt des Buchdrucks.

Viele Deutsche kamen nach Venedig, wie Erhard Ratdolt (1442–1528), der Offizin 23 von 1476 bis 1486 betrieb und dessen zumeist astronomische oder mathematische Bücher zu den schönsten Zimelien überhaupt zählen. Er hat das Titelblatt „erfunden“ und als erster mehrfarbige Holzschnitte gedruckt. Er setzte als erster in griechischer Schrift. Seine lateinische Satzschrift ist Gotico-Antiqua

Genau 20 Jahre nach der Cicero-Ausgabe Johanns von Speyer erschien Aldo Manuzio (1449–1515) in Venedig und gründete seine Offizin. In seinen Diensten stand der Schriftschneider Francesco Griffo (1450–1518), der viele schöne Schriften geschaffen hat. Auf ihn gehen der kursive Schriftschnitt (engl. italic) und die Schriftart Bempo zurück.

Bempo, De Aetna, Venedig : Aldo Manuzio 1496.

In der Einteilung der DIN 16518 von 1964 bildet die „venezianische Renaissance-Antiqua“ die Gruppe I (Wikipedia, DIN 16518).

Merkmale sind:

  • niedriges Mittelband (x-Höhe),
  • „a“ zweistöckig und offen,
  • „g“ dreistöckig und geschlossen, Ohr,
  • kräftige Serifen mit gerundeten Ansätzen,
  • geringfügig unterschiedliche Strichstärken,
  • niedrige Majuskellinie,
  • schräger Dachansatz bei Minuskeln,
  • stark nach links geneigte Schattenachse, vgl. „o“.

Die „französische Renaissance-Antiqua“

In Frankreich propagierten Humanisten wie Geoffroy Tory (1480–1533) die Volkssprache und erweiterten das lateinische Alphabet durch diakritische Zeichen in der heute gültigen Form. In seiner 1529 erschienenen Abhandlung „Champ Fleury“ konstruiert Tory die Majuskeln mit Bezug auf den menschlichen Körper (BNF Paris).

Durch Antoine Augereau (1485–1534) und Claude Garamond (1499–1561) erhielt die venezianische Schrift ihre höchste Vollendung. Vorbild waren die Schriften Griffos, vor allem die Bempo, die zwar in Venedig geschaffen wurde, aber typologisch zur „französischen Renaissance-Antiqua“ gehört.

Nach Garamonds Tod gingen seine Schriften teilweise nach Antwerpen, nach Frankfurt und an die „Imprimérie royale“ in Paris. Die Benennung nach „Garamond“ taucht erst ab 1620 auf, durch Jean Jannon (1589–1658). Dann geriet sie in Vergessenheit, bis sie 1925 als „Stempel Garamond“ wiederbelebt wurde. Diese liegt für den heutigen Computersatz in einer abgespeckten Version vor. Sie bekam ernstzunehmende Konkurrenz durch „Garamond Premier Pro“ von Adobe, die zu den am häufigsten benutzten Satzschriften gehört.

In der Einteilung der DIN 16518 von 1964 bildet die „französische Renaissance-Antiqua“ die Gruppe II (Wikipedia, DIN 16518).

Merkmale der französischen Renaissance-Antiqua sind:

  • niedriges Mittelband (x-Höhe),
  • „e“ mit waagerechtem Strich, ohne Sporn,
  • kräftige Serifen mit Rundungen im Ansatz,
  • geringfügig unterschiedliche Strichstärken,
  • niedrige Majuskellinie,
  • schräger Dachansatz bei Minuskeln,
  • weit weniger geneigte Schattenachse.

Die „barocke Antiqua“

Aus der „Renaissance-Antiqua“ entstanden im Lauf der Zeit neue Typen. Die „Barock-Antiqua“ wurde in den Niederlanden, im goldenen Zeitalter, und in England entwickelt. In Frankreich ist Pierre Simon Fournier (1712–1768) zu nennen, der auch ein typographisches Maßsystem entwarf, den „Fournier-Punkt“.

Wesentlicher Unterschied zum Renaissance-Typ ist die stark unterschiedliche Strichstärke, die durch den Kupferstich inspiriert und technisch möglich wurde. Die Majuskel reicht bis zur Oberlinie. Die Serifen sind kaum mehr gerundet. Die Schattenachse (Verbindung der dünnsten Stellen im kleinen „o“) ist nicht mehr geneigt, sondern steht senkrecht.

In der Einteilung der DIN 16518 von 1964 bildet die „barocke Antiqua“ die Gruppe III (Wikipedia, DIN 16518). Ein berühmter Vertreter ist die Times, die 1931 für die „London Times“ geschaffen wurde.

Merkmale der „barocken Antiqua“ im Vergleich zur „Renaissance-Antiqua“ sind:

  • höheres Mittelband (x-Höhe),
  • große Unterschiede der Strichstärken,
  • Majuskel reicht bis zur Oberlinie,
  • kräftige Serifen, Rundungen sind fast verschwunden,
  • schräger Dachansatz bei Minuskeln mit Oberlänge,
  • gerader Querstrich beim kleinen e,
  • Schattenachse steht erstmals senkrecht.

Die „klassizistische Antiqua“

Die „klassizistische Antiqua“ bildete sich im 18. Jahrhundert in Frankreich und auch Italien heraus. Die bedeutendsten Typographen dieser Periode sind Giambattista Bodoni (1730–1813) und Firmin Ambroise Didot (1764–1836), in Deutschland Justus Erich Walbaum (1768–1837).

In der Einteilung der DIN 16518 von 1964 bildet die „klassizistische Antiqua“ die Gruppe IV (Wikipedia, DIN 16518).

Merkmale der klassizistischen Antiqua sind:

  • sehr hohes Mittelband (x-Höhe),
  • sehr große Unterschiede der Strichstärken,
  • Majuskel reicht bis zur Oberlinie,
  • feine Serifen, Rundungen sind ganz verschwunden,
  • gerader Dachansatz bei Minuskeln mit Oberlänge,
  • gerader Querstrich beim kleinen e,
  • Schattenachse steht senkrecht.

Formen im 19. und 20. Jahrhundert

Im 19. und 20. Jahrhundert gab es viele stilistische Neuerungen. Gleichzeitig scheint es eine Hinwendung zu den klassischen Formen der Renaissance und des Barock zu geben.

Als charakteristisch für den modernen Stil können die unveränderlichen Strichstärken der Linearschriften angesehen werden, dann die serifenlosen Abschlüsse. Insgesamt gibt es die Tendenz der Reduktion.

Aus dieser Vielfalt sind die Gruppen der DIN 16518 von 1964 gebildet, Gruppe V: „serifenbetonte Linear-Antiqua“, Gruppe VI: „serifenlose Linear-Antiqua“, Gruppe VII: „Antiqua-Varianten“, die sich dadurch auszeichnen, dass sie keiner anderen Gruppe zugewiesen werden können (Wikipedia, DIN 16518).